Von Inklusion und Ausgrenzung. Haben wir schon viel erreicht?

Integration, Normalisierung, Inklusion – selbst die Begegnung zwischen
Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung (oder sagen wir besser: ohne deutlich sichtbare, merkliche Behinderung) unterliegt der Mode.
Wie weit sind wir damit gekommen?

Gestern habe ich den aktuellen „Aktion Mensch“ TV-Spot  gesehen und er hat mich beeindruckt. Er hat gute Gefühle in mir erzeugt und mich gefreut. So viel geballte Lebensfreude, so viel Selbstbestimmung!

Inklusion geht uns alle an – ob mit oder ohne Behinderung

Sind Sie als Betroffene auch der Meinung, dass schon so viel erreicht wurde? Können Sie sagen, dass Sie als Mensch mit Behinderung voll im Leben stehen dürfen? Selbstbestimmt? Werden Sie als Eltern, Geschwister, Angehörige von Menschen mit Behinderung ernstgenommen? Wahrgenommen? Oder müssen Sie kämpfen? Gegen Diskriminierung, Ausgrenzung? Gegen Vorurteile und das ewige Gaffen? Müssen Sie um den Zusammenhalt in Ihrer Familie kämpfen?

Ich habe viele Familien zerbrechen sehen, weil sie dem Druck, der die Behinderung eines Familienmitglieds mit sich bringen kann, nicht mehr gemeinsam standhalten konnten. Vielleicht gehören aber gerade Sie zu den glücklichen Familien, die durch so eine spezielle Herausforderung sogar noch enger zusammengewachsen sind. Auch das gibt es.
Keine Situation ist mit der anderen vergleichbar, kein Familiengefüge ist gleich stark. Jedes hat seine Schwachpunkte und seine Stärken an unterschiedlichen Stellen.

Und wie geht es Ihnen mit den Behörden und Institutionen? Mit Ärzten? Pflegestufenanpassungen?

Ich erinnere mich z.B. an die Mutter eines meiner Schüler. Ihr Sohn wurde nach einer Mehrfachimpfung im Kleinkindalter geistig schwerstbehindert. Dies war natürlich quer durch alle  Stellen amtsbekannt. Dennoch bekam er, als er ins wehrpflichtige Alter kam, einen Musterungsbefehl per Einschreiben zugestellt. Ich sehe heute noch das Entsetzen und die Resignation in den Augen der Mutter, als sie mir davon erzählte.

Und nun meine Frage an Sie, als Mensch ohne definierte Behinderung. Wie geht es Ihnen in der Begegnung mit Menschen mit Behinderung? Haben Sie eine „Meinung“ dazu? Fühlen Sie sich dabei sicher, souverän? Oder könnten Sie ein bisschen Hilfe brauchen, weil Sie eine Unsicherheit in sich spüren? Manchmal vielleicht sogar ein bisschen Angst? Oder sind Sie froh, wenn Sie so wenig wie möglich damit konfrontiert werden?

Auf der Straße

Ich habe über 20 Jahre lang mit Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Behinderungen gearbeitet. Da habe ich viel gesehen und erlebt. Man könnte sagen, „ich kenne mich aus“ – ein bisschen wenigsten.

Wenn ich auf der Straße z.B. einen Rollstuhlfahrer sehe, werfe ich schon mal einen flüchtigen Blick – so wie bei jedem anderen Passanten auch, der mir begegnet. Nicht aus Sensationslust. Denn es ist doch total normal, dass wir nicht alle gleich sind. Ich habe selten Berührungsängste.
Oft fällt mir dann eine Person ein, die ich mal begleitet habe und deren Situation möglicherweise diesem Passanten ähnelt.
Mir ist es in meiner Arbeit öfters passiert, dass ich selbst erst durch die Reaktionen der Umwelt wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich ja gerade mit einem Menschen mit Behinderung unterwegs war. Wenn ich meine Klienten, Schüler, Heimbewohner mal kennengelernt hatte, waren sie nicht mehr „der Mensch mit der Behinderung“ oder mit dem „Defizit“, sondern eben einfach Peter, Sandra und Hilde. Sie waren nun mal so, wie sie waren und wir haben unsere Grenzen gemeinsam ausgelotet. Jeder hat das zum gemeinsamen Miteinander beigetragen, wo er seine Stärken hatte und die Schwächen haben wir gemeinsam überbrückt. UND: meine Klienten mussten ja auch MICH mit MEINEN Grenzen nehmen, so wie ich nun eben bin. Das wird manchmal ein bisschen zu schnell übersehen!

Doch zurück zur Straße: Wie ist dieser sprichwörtliche Seitenblick nun für Sie als Betroffene? Als Mensch mit Behinderung oder als Angehöriger? Verletzt das Hinsehen genauso wie das Wegsehen?
Oder wie ist es, wenn besonderes Aufhebens gemacht wird, Sie bevorzugt werden, gar Geschenke bekommen, weil „die armen Kinder sonst ja nichts vom Leben haben“?

Ein Mann mit körperlicher Behinderung, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, hat mal erzählt, das Schlimmste sei für ihn, wenn Wildfremde auf ihn und seine Assistentin zukommen, nicht MIT ihm, sondern ÜBER ihn sprechen und seiner Betreuerin sogar noch Bonbons für ihn zustecken oder ihm über den Kopf streicheln. Genauso, wenn man ihm nie etwas „Schlechtes“ zutraut, wenn man immer automatisch davon ausgeht, dass er es mit allen gut meint. Doch auch er kann wütend sein! Viele entschuldigen sich sogar bei ihm, selbst wenn ER einen Fehler gemacht hat.
Das geschieht sicher nie mit böser Absicht, sondern aus purer Unsicherheit und dem verzweifelten Versuch zu signalisieren: „Ich bin solidarisch! Ich will unterstützen!“ Und dennoch fühlt er sich davon verletzt und nicht als Ganzes wahrgenommen.

Was denn nun?!

Ich glaube, beide Extreme sind übergriffig. Doch das glaube ich als Nicht-direkt-Betroffene. In vielen Gesprächen mit Betroffenen und Angehörigen habe ich die Zwischentöne zu hören bekommen. Und das schönste daran: auch da gab es keine Einstimmigkeit. So unterschiedlich jede Persönlichkeit ist, so unterschiedlich sind auch die Reaktionen und Empfindungen dazu.

Die einen fanden das Starren oder Tuscheln ganz furchtbar, den anderen ist es nicht einmal aufgefallen. Manche mochten es, im Café von Wildfremden eingeladen zu werden als Zeichen der Wertschätzung, andere fanden es mehr als verletzend. Ebenso bei angebotener Hilfeleistung. Während die einen das Gefühl haben, sie sollten in der Öffentlichkeit mehr unterstützt werden – z.B. an Türen, Schwellen, Verkehrsmitteln, etc. – finden es die anderen unmöglich, wenn sofort jemand herbeieilt um zu helfen, ohne darum gebeten worden zu sein. Denn schließlich wollen sie ihren Alltag alleine bewältigen.
Das macht es uns Nichtbehinderten nicht gerade leichter! Was ist nun richtig? Wie verhalten wir uns am besten, um niemanden zu verletzen oder gar auszugrenzen – vielleicht sogar durch zu viel „Gutes-tun-Wollen“?

Ein Ansatz könnte sein: offen aufeinander zugehen, empathisch sein, fragen und ins Gespräch kommen. „Kann ich Ihnen helfen? Möchten Sie meine Unterstützung?“ Wie überall gilt auch hier, dass uns ein respektvoller Umgang miteinander und eine Begegnung auf Augenhöhe am ehesten zueinander führt.

Mut zum Mut! baby with Down syndrome is happy and flying up

Hier fällt mir noch ein Beispiel ein, das zeigt, wie auch heute noch Unsicherheit in diesen Fragen herrscht und vor allem, wie leicht Behinderung als „vermeidbares Übel“ gesehen wird:

Ein Vater eines wenige Monate alten Babys mit Down Syndrom erzählte mir, dass er und seine Frau nach der Geburt ihrer Tochter sehr verunsichert waren, wie wohl ihre Zukunft aussehen würde. Was ihre Tochter in diesem Leben erwarten würde.
Ihre Umwelt reagierte sehr unterschiedlich auf das zusätzliche Chromosom, das ihr Baby mit auf diese Welt gebracht hatte. Die Familie erfuhr zum Teil viel Unterstützung und Zuspruch, doch auch verstörende Situationen waren dabei.
Sehr bestürzt sei er gewesen, als er von einem Arbeitskollegen gefragt wurde, ob sie das denn nicht vorher gewusst hätten. Wie soll man das verstehen? Was sollte diese Frage bezwecken? Wollte er wirklich wissen, ob sie ihr wundervolles Mädchen besser hätten abtreiben lassen sollen?!

Was sagt das über das Weltbild und die Werthaltung dieses Arbeitskollegen aus? Ist Anderssein nur ein Faktor, den es zu verhindern gilt? Der Geld kostet?

Die Stärke und Entwicklung einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie sie mit ihrem schwächsten Mitglied umgeht.

Ich glaube, wir sollten uns wieder einmal daran erinnern, dass wir schon einmal an einen ähnlichen Punkt in der Geschichte standen, an dem zwischen „wertvollem“ und „wertlosem“ Leben unterschieden wurde. Und was dabei herauskam, wissen wir auch noch.
Die meisten Menschen mit Behinderung „leiden“ nicht daran, sondern leben ein glückliches Leben und erfreuen sich an ihrem Dasein. Wer kann schon sagen, was „lebenswert“ bedeutet?

Kürzlich habe ich einen wundervollen Videoclip gesehen.  Menschen mit Down Syndrom erzählen einer verunsicherten Mutter, was auf sie zukommen wird. Dieser Clip macht jedes weitere Wort überflüssig.

Und die Infrastruktur?

Inklusion ist das Ziel. Doch was heißt das genau und wie stellt man das am besten an?

Das Zusammenspiel zwischen Menschen mit und Menschen ohne  Behinderung ist der eine Teil davon. Ohne die passende, aufeinander abgestimmte Infrastruktur bleibt das Leben aber schwierig. Denn der oft strapazierte Satz stimmt eben doch: Menschen SIND nicht behindert, sie WERDEN behindert. Und zwar von den Gegebenheiten, die sie vorfinden.

Wenn ein Mensch, der sich im Rollstuhl fortbewegt, die passende Umgebung vorfindet, ist er (beinahe) genauso mobil, wie jeder, der laufen kann.
Wenn gehörgeschädigte Personen im Theater, im Kino, beim Bewerbungsgespräch oder wo auch immer, eine Übersetzung oder Untertitel angeboten bekommen, können sie am gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben gleich teilnehmen wie jeder, der hören kann.
Wenn Veranstaltungen nicht mehr gesondert für Menschen mit Behinderung ausgerichtet werden, sondern alle Veranstaltungen so gestaltet werden, dass auch Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, daran teilnehmen können, dann löst sich das Denken in Kategorien langsam auf.
Wenn keine Bewerbung mehr ausgemustert wird, nur weil eine Behinderung zum Leben dieses Bewerbers gehört, dann nähern wir uns der gelebten Inklusion.

Weg vom Rand! Hinein ins Geschehen! 😉

Es ist normal, verschieden zu sein

Müssen wir denn wirklich alle „gleich“ sein? Das ist doch ohnehin unrealistisch. NIEMAND ist gleich wie ein anderer. Sind wir nicht mehr glücklich über unsere Einzigartigkeit? Und braucht unsere Gesellschaft nicht auch einen Klecks Unterschiedlichkeit, um bunt zu bleiben?

Ich wünsche mir ein menschliches Zusammenleben, in dem die STÄRKEN jedes Mitglieds gesehen und geschätzt werden und nicht seine „Defizite“ im Mittelpunkt stehen. Schwächen haben wir doch alle! Konzentrieren wir uns lieber darauf, was jeder KANN, nicht was er NICHT KANN. Jeder hat etwas zu geben – und wenn es ein sanftmütiger Blick oder ein herzliches Lachen ist.

An dieser Stelle zitiere ich mit viel Freude Richard von Weizsäcker: „Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein. Manche Menschen sind blind oder taub, andere haben Lernschwierigkeiten, eine geistige oder körperliche Behinderung – aber es gibt auch Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten. (…) Dass Behinderung nur als Verschiedenheit aufgefasst wird, das ist ein Ziel, um das es uns gehen muss.“

Dem kann ich nur zustimmen!

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